Wenn wir von den Cimbern und Teutonen absehen, die im Jahre 102 v. Chr. über den Brenner zogen, und dabei nach einem Bericht über die steilen Schneehänge auf ihren Schilden hinabrodelten, so beginnt die Geschichte des Schilaufs in Tirol, wie im ganzen Alpenraum, erst um die Jahrhundertwende.

Die winterlichen Berge erschlössen sich den Menschen erst, als der Schneeschuh in den Alpen seinen Einzug hielt. Die Bergsteiger, die ihre heiß umworbenen Gipfel auch im Winter besteigen wollten, hielten nach neuen technischen Hilfsmitteln Ausschau — und so folgten nach Seil, Eispickel und Steigeisen schließlich die „Schneeschuhe“. Mit ungeeigneten finnischen Langhölzern (bis zu drei Metern) setzten in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts die ersten zaghaften Schiversuche ein. Die Ergebnisse waren zunächst noch wenig erfreulich, so dass Wundt noch 1895 schreiben konnte: „Das Bergaufgehen mit den Schneeschuhen ist äußerst langwierig und schwierig, das Bergabgehen äußerst gefährlich“.

Erst als im Jahre 1900 Viktor Sohm und H. Hartmann mit Schiern auf den Galzig (Arlberg) stiegen und auch verhältnismäßig zügig abfuhren, war das Eis gebrochen, konnte man von einer Geburtsstunde des alpinen Schilaufs sprechen, hatte das neueste alpine Hilfsmittel seine Eignungsprüfung abgelegt. Viktor Sohms Schistreifzüge durch die Samnaungruppe und die Ötztaler Alpen erlangten die gleiche Berühmtheit, wie Wilhelm Pauickes Schidurchquerung des Berner Oberlandes im Jänner 1897 oder die bahnbrechenden Schifahrten Günther von Saars und Otmar Sehrigs am Glockner und Großvenediger wenig später. Man muss sich vergegenwärtigen, daß 1897 bei Pfunds im Oberinntal noch ein Bär geschossen wurde, wenn man dem Wagemut dieser Pioniere des weißen Sports gerecht werden will.

Kaum aber war das Mittel „Schneeschuh“ dem Ei entschlüpft, machte es sich seiner flotten, vogelähnlichen entsprechend auch schon selbständig. Knapp nach der Gründung des Internationalen Alpenschivereins in Wien erfolgte 1901 die Gründung des Schiklub Arlberg, der bis in unsere Tage in Tirol die weiße Fahne vorträgt.

Schon versucht im selben Jahr Theodor Herzog mit seinen Begleitern auf Schiern zum höchsten Tiroler Gipfel vorzustoßen, zur Wildspitze. Die kühnen Männer gelangen bis zum Mitterkarjoch.

Im gleichen Winter führt Wilhelm Pauicke in St. Anton am Arlberg bereits die ersten Schikurse für Bergführer durch.

Nun beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen. 1902, das Ist das Jahr, in welchem die Zillertalbahn fertiggestellt und die Ötztaler Straße bis Sölden vorgetrieben wird; Im Winter 1902 auf 1903 ersteigt Th. Herzog mit einigen Begleitern die Zugspitze erstmals mit Schiern; im selben Winter fallen die beiden höchsten Tiroler Gipfel den weißen Pionieren zu: die Wildspitze, 3770 Meter, und dieWeißkugel, 3739 Meter, in den Ötztaler Alpen. Die Chronik dieses Jahres meldet auch bereits den ersten tödlichen Schiunfall, der sich beim Versuch einer Schibesteigung des Schwarzensteins in den Zillertaler Alpen ereignet. Der folgende Winter fordert dem österreichischen Verkehr den ersten Wintersportzug ab; und jetzt sind bereits Männer mit Brettln unterwegs, die nicht mehr eines Berggipfels willen aus der warmen Stube in den Winter hinauszogen, sondern die ganz einfach „schneeschuhlaufen“ wollten. Was zuerst bloß ein Hilfsmittel für Bergsteiger war, wird nun zum Selbstzweck. Der unvorstellbare Aufstieg und die unvorhersehbare Breitenentwicklung des Schilaufs beginnt. In diesem Winter besteigen die Innsbrucker Hechenblalkner und Domenigg mit den schon genannten alten Hasen Saar und Sehrig die Gefrorne Wandspitze in den Zillertaler Alpen.

Den Beweis für die obige Behauptung, dass um diese Zeit der Schilauf bereits Selbstzweck geworden war, erbringt der Winter 1904/1905 mit seinen ersten öffentlichen Schirennen. In diesem Winter fordert Mathias Zdarsky, der schon vor der Jahrhundertwende das erste „Lehrbuch der Alpinen Schilauftechnik“ herausgegeben hatte, die Austragung eines „schlfahrtechnischen Kampfes mit Norwegern im Alpengebiet“. Für die folgenden Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges holt sich der Chronist nur noch einzelne Rosinen aus der Geschichte des Tiroler Schilaufs heraus.

1905 erfolgt die Gründung des Deutschen Schiverbandes und gleichzeitig des Österreichischen Schiverbandes in München. Fr. Kleinhaus und Gefährten besteigen erstmals Similaun und Finailspitze auf Schiern. Zugleich aber geistern bereits so „unalpine“ Gedanken durch die Gehirne wie die Pläne, auf das Kitzbüheler Hom und auf den Patscherkofel Zahnradbahnen zu bauen.

1906 erhält der Möseler in den Zillertalern seinen ersten Winterbesuch, und die erste Schidurchquerung der Silvretta, wobei Fluchthorn, Dreiländerspitze und Piz Buin bestiegen werden, wird gewagt. Wer hat damals ahnen können, daß die Silvretta fünf Jahrzehnte später in einen Zaubergarten des Schisports verwandelt sein könnte, mit lausenden von schifahrenden Osterhasen? Bei der Hauptversammlung des Alpenvereins 1907 in Innsbruck wird die Einrichtung von Winterräumen in den Hütten beschlossen und damit dem Winterbergsteiger ein entscheidender Auftrieb gegeben.

Pfarrer Meyer von Serfaus besteigt den Furggler mit Schiern, und Zdarsky führt den ersten Militärschikurs in Österreich durch.
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Eine Gruppe von Innsbrucker Bergsteigern (E. Clement, Fritz Miller, F. Schösser, A. Seidl und ein Fräulein Lisa Fries) überschreitet 1908 auf Schiern das Bildstöckijoch und besteigt die Schaufelspitze und den Schußgrubenkogel, und die Gebrüder Zeuner und Gefährten besteigen ein Jahr später den Gleierscher Fernerkogel mit Schiern; ein wenig später rücken die Innsbrucker Josef und Heinrich Prochaska und A. Hittmair bereits einem Gipfel vom Format der Lisener Villerspitze mit Schiern zu Leibe und buchen die erste Schiersteigung. Die Zahl der den deutschsprachigen Schiverbänden angehörenden Schiläufer beträgt bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 50.000.

Der durch den Ersten Weltkrieg unterbrochene Strom ergießt sich ein paar Jahre später von neuem über Tirol. Oberst Bilgeri, der schon 1910 mit seinem Buch „Der Alpine Skilauf“ eine einheitliche Unterrichts- und Fahrweise festgelegt hat, arbeitet auch nach dem Krieg an der Verbreitung des Schilaufs weiter, bis 1934 mitten im Schiunterricht am Patscherkofel ein Herzschlag seinem verdienstreichen Leben ein Ende macht.

Als sein Nachfolger wird mit Recht Hannes Schneider genannt, der schon als Siebzehnjähriger in St. Anton als Schilehrer tätig ist. Seine Unterrichtsweise und seine Erfolge verhalfen der „Arlbergschule“ zum Weltruhm. Zusammen mit der Schönheit des Landes, der Gastlichkeit seiner Herbergen und der Erfolge seiner Rennläufer ist die Arlbergschule Wohl der Hauptgrund für den Zustrom der fremden Gäste aus aller Welt und für die Freude am weißen Sport, die heute an die Stelle der uralten Winterfurcht getreten ist.

Wenn heute ein Mann wie Ernest Hemingway, der allen Freuden dieser Welt nachgespürt hat, das Schiläufen zu den drei schönsten Erlebnissen seines Lebens rechnet, so dürfen auch Tirol und die Silvretta den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, ihn als erste mit diesen Freuden vertraut gemacht zu haben.

Alljährlich kommen jetzt Fürsten und Könige, Finanzmagnaten und Filmgrößen nach Tirol, um dort den weißen Göttern zu huldigen. Hier aber verwandeln sich alle In Jünger des Schilaufs, ihre zivilen Prädikate fallen ab, und sie werden von eifrig bemühten Schilehrern zunächst in neue Klassen eingeteilt: in „Schihaserln“,
in „Fortgeschrittene“ und in „Zünftige“, und es ist für jeden Ehrensache, möglichst schnell in die höchste Klasse aufzurücken.

Daneben treiben die „Verwegenen“ ihr Wesen an den kühnsten Bergen des Winterlandes Tirol, und jedem Uneingeweihten muß das Grausen kommen, wenn er die Schispuren sieht, die durch die Nordflanken von Schrankogel und Ruderhofspitze, durch die Steilflanken von Hochfeiler und Hochferner, Weißkugel, Wildspitze und Similaun zu Gesicht bekommt.

Auch in der Rangliste der besten Schifahrer der Welt steht Tirol an der Spitze, und mancher Weltmeister hat seine ersten scheuen Versuche auf den Übungshügeln um Kitzbühel, Seefeld und St. Anton gemacht.